Dank an SensoNet
An dieser Stelle möchte ich Ihnen,
den zahlreichen Menschen, die sich an meinen SensoNet-Umfragen beteiligen,
ein herzliches Danke sagen, indem ich aus persönlicher Warte schildere,
wo ich die Rolle von SensoNet bei der Erfassung des kollektiven Bewusstseins
und in der "Zukunftsforschung" sehe. Sie alle tragen zur Erhellung
unserer Zukunftsbilder bei, und dafür bin ich Ihnen dankbar.
Andreas Giger
Zukunft ist Gegenwart
Der Begriff "Zukunftsforschung" ist bei näherer
Betrachtung ein Widerspruch in sich, denn streng logisch gesehen kann
man nicht etwas erforschen, was es (noch) gar nicht gibt. Der Zukunfts-Philosoph
löst dieses Dilemma, indem er sich darauf konzentriert, wie in
der Gegenwart mit Zukunft umgegangen wird: Mit welchen Wahrnehmungskategorien,
Denkwerkzeugen, Bewusstseinsinstrumenten, Fragen, Szenarios und Bildern
"behandeln" wir die Zukunft ? Denn wie für den Wald gilt auch für
die Zukunft: Wie man hinein ruft, so schallt es heraus.
Wenn wir blind sind für bestimmte Entwicklungen,
sind wie ihnen ebenso blind ausgeliefert. Wenn wir kein Auge entwickeln
für Chancen der Zukunft, können wir sie bestimmt nicht nutzen.
Wenn wir die Zukunft ausschliesslich schwarz malen, wird sie nach dem
Gesetz der sich selbst erfüllenden Prophezeiung ziemlich dunkel.
Und wenn wir kein Gespür dafür entwickeln, was unausweichlich
kommt, können wir auch keine Gestaltungsspielräume erkennen.
Zukunfts-Philosophie
Über Bewusstseinsinstrumente nachzudenken,
mit denen wir der Zukunft gerecht werden können, ist also alles
andere als ein Luxus. Denn eines steht fest: Um der Zukunft gerecht
zu werden, braucht es oft nicht nur neue Techniken, sondern oft auch
ein neues Denken, ein anderes Bewusstsein. Das klingt hochtrabender,
als es ist. Oft genügt schon eine andere Perspektive als die gewohnte,
und das meint konkret, ein paar neue Fragen.
Solches zu bedenken und zu ersinnen, am Schreibtisch
und auf langen Spaziergängen, ist die Aufgabe des Zukunfts-Philosophen.
Die Krux dabei ist: Wer garantiert Ihnen, dass der Zukunfts-Philosoph
in seiner Einmann-Denkstatt oben auf dem Hügel nicht völlig
abhebt und Gedanken und Ideen produziert, die niemand mit ihm teilt
?
Resonanzboden ?
Zum Glück ist der Zukunfts-Philosoph auch empirischer
Sozialforscher, nicht nur gelernter, sondern von einer tiefen Neugier
auf das Denken anderer Menschen angetriebener. Und so ersann er schon
vor etlichen Jahren ein Instrument, das zeigen sollte, ob sich seine
Gedankenwelt wirklich im völlig luftleeren Raum abspielt, oder
ob es dafür so etwas wie einen Resonanzboden gibt. Wenn andere
Menschen seine Fragen so relevant finden, dass sie sie für sich
beantworten, dann muss was dran sein. Und dann sind vor allem diese
Antworten in ihrer Gesamtheit von grösstem Interesse.
Fragen und Antworten - darum geht es in der empirischen
Sozialforschung, nicht immer, aber doch in den meisten Fällen.
Anders als bei einem Alltagsgespräch oder bei einem journalistischen
Interview steht dabei allerdings nicht die einzelne Meinung im Zentrum
des Interesses, sondern die einzelnen Meinungen werden summiert zu einem
Gesamtbild, zu einem Abbild des kollektiven Bewusstseins.
Das kollektive Bewusstsein
Paradoxerweise ist dieses Interesse für das
kollektive Bewusstsein eine Frucht der Individualisierung. Erst eine
Gesellschaft, die jedem Individuum das gleiche Meinungsgewicht zuteilt,
also eine Demokratie, interessiert sich nicht mehr nur für die
Meinung der Herrschenden, sondern dafür, was herauskommt, wenn
man die Meinungen aller Individuen zusammenzählt. Alle paar Jahre
wird in Form von Wahlen ein Abbild des kollektiven Bewusstseins erstellt,
und das Ergebnis gilt als verbindlich.
Die Schweiz hat gezeigt, dass sich dasselbe Prinzip
auch auf politische Sachfragen anwenden lässt: Mit einer simplen
Ja-Nein-Frage wird das kollektive Bewusstsein "gemessen", und wer darin
mehr Zustimmung erhält, hat gewonnen.
Den meisten anderen Ländern ist das zu mühsam,
und so behelfen sie sich mit einem Surrogat: der Meinungsumfrage. Auch
diese beansprucht für sich, ein Abbild des kollektiven Bewusstseins
zu sein, und erst noch mehr erfassen zu können als blosses Schwarz
und Weiß. Weil aber keine Meinungsumfrage alle individuellen Meinungen,
die zusammen das kollektive Bewusstsein bilden, sammeln kann, behilft
sie sich mit einem Trick: dem Prinzip der Repräsentativität.
Repräsentativ ?
Kein halbwegs seriöser Journalist würde
sich getrauen, die Ergebnisse einer Meinungsumfrage zu veröffentlichen,
wenn sie nicht das Gütesiegel "repräsentativ" trägt,
denn wir haben es längst verinnerlicht: repräsentativ = glaubwürdig
= gut. Trotzdem sei die ketzerische Frage erlaubt, was denn eigentlich
repräsentativ meint.
Der Repräsentant eines Landes oder einer Firma
ist zunächst deren Gesandter, also ihr Vertreter. Dafür wird
er ausgewählt und ausgebildet, denn nicht alle können diese
Rolle ausfüllen. Ganz anders das Prinzip bei repräsentativen
Stichproben. Nach dem demokratischen Prinzip "one man - one vote" muss
jede und jeder genau dieselbe Chance haben, als Repräsentant ausgewählt
zu werden. Dafür gibt es verschiedene Methoden, doch das Gesetz
ist immer gleich: Nur wenn alle grundsätzlich die Chance haben,
in eine repräsentative Stichprobe zu gelangen, bilden die Gesamtergebnisse
das kollektive Bewusstsein korrekt ab.
Ideal wäre es für diesen Ansatz, man könnte
alle Fragen, und der Ersatz in Form repräsentativer Stichproben
soll diesem Ideal möglichst nahe kommen. Nicht hinterfragt wird,
ob das kollektive Bewusstsein eigentlich wirklich mit der Meinung von
allen gleichzusetzen sei.
Schon beim großen demokratischen Vorbild ist
das alles andere als klar. In der Schweiz beträgt die durchschnittliche
Beteiligung an den Abstimmungen etwa 40 Prozent, das heisst, die Mehrheit
zieht es vor, sich einer Antwort auf die gestellten Fragen zu enthalten.
Das wird einerseits als ihr gutes Recht betrachtet, andererseits stört
sich niemand daran, dass bei der Ermittlung des kollektiven Bewusstseins
nur eine Minderheit beteiligt hat. Die Abwesenden haben immer Unrecht,
und ob es nun Unvermögen sei, die gestellten Fragen zu beantworten,
oder schlichte Unlust, interessiert niemanden wirklich. Ebenso wenig
übrigens wie für den Umstand, dass jede(r) Fünfte ohnehin
nicht mitreden darf, weil Ausländer...
Auch die seriöseste repräsentative Umfrage
erfasst nie wirklich alle. Doch beim bemühen, möglichst viele
zu Wort kommen zu lassen, geschehen zwei wenig erfreuliche Dinge. Zum
einen muss beim intellektuellen Niveau der Fragen immer der kleinste
gemeinsame Nenner gesucht werden, und das ist nun mal der tiefstmögliche.
Zum anderen werden auch Menschen mit mehr oder weniger sanftem Zwang
dazu überredet, sich Antworten zu Themen auszudenken, mit denen
sie nun wirklich nichts am Hut haben. Dass das die Qualität der
Antworten nicht unbedingt hebt, versteht sich.
Dass Problem bei diesem Ansatz liegt in der übermächtigen
Prägung durch das Vorbild der politischen Demokratie. Dort gibt
es gute Gründe dafür, das kollektive Bewusstsein als die simple
Addition der Meinungen aller zu betrachten, denn wenn wir anfingen,
das Gewicht der einzelnen Stimmen nach Intelligenz oder Einkommen oder
sozialen Verdiensten unterschiedlich zu gewichten, kämen wir in
Teufels Küche.
Delphi und mehr
Im wirklichen Leben dagegen gibt es keinen Grund,
daran zu zweifeln, dass es sich bei unserem kollektives Bewusstsein
nicht anders verhält als bei unserem Wirtschaftssystem, das von
Differenzierung und Spezialisierung lebt. Wie in unserem persönlichen
Bewusstsein gibt es auch im kollektiven so etwas wie "Abteilungen" oder
Subsysteme, die sich spezialisiert haben du unterschiedliche Funktionen
übernehmen. Will man mehr über einen speziellen Aspekt des
kollektiven Bewusstseins erfahren, muss man also diese Spezialisten
fragen.
Die real existierende Zukunftsforschung hat dies
durchaus erkannt und befragt deshalb in sogenannten "Delphi-Studien"
handverlesene Experten ausführlich über ihre Einschätzung
der Zukunft. Das Prinzip ist richtig, jedoch beschränkt. Thematisch
deshalb, weil es meist nur um harte Fakten geht, nicht aber um weiche
Faktoren. Und bei der Auswahl der Antwortenden, weil Expertentum mit
bestimmten Berufsrollen gleichgesetzt wird.
Das demokratische Prinzip verkündet das Gegenteil:
Wir sind das Volk, das heisst, wir sind alle Experten. Sollten wir also
doch wieder repräsentative Meinungsumfragen durchführen, diesmal
zum Thema Zukunft ? Das geht deshalb nicht, weil die Fragen zur Zukunft
sehr schnell zu einem kleinen Häuflein schrumpfen, wenn man sie
auf dem tiefen Niveau des kleinsten gemeinsamen Nenners formulieren
muss. Schon etwas differenziertere Fragestellungen setzen ein gewisses
Sprachniveau voraus, die Fähigkeit zu reflektieren, ein Interessenspektrum,
das über den Tellerrand hinaus reicht, ein gewisses Vorwissen,
Spaß daran, sich in das kollektive Bewusstsein einzubringen -
kurz, einen gewissen Entwicklungsstand des eigenen Bewusstseins.
Diese Anforderungen schränken den Kreis jener,
die differenzierter Auskunft über ihre Zukunftsbilder geben können
und wollen, erheblich ein. Ansprechbar ist "nur" jener Teil der Menschen,
die eine Art "Bewusstseins-Elite" bilden und damit die Rolle der Vorhut
bei der Entwicklung des kollektiven Bewusstseins übernehmen. Ob
das nun zehn oder zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung sind, ist
kaum abzuschätzen. Sicher ist, dass es sich um eine kleine, aber
feine Minderheit handelt, die nicht nur ein guter Seismograph für
die Bewegungen im kollektiven Bewusstsein ist, sondern als aktiver Meinungsbildner
auch so etwas wie dessen Sauerteig.
Indem wir Einblick in das Bewusstsein dieser Elite
gewinnen, lernen wir den Zustand des kollektiven Bewusstseins kennen
- und vor allem dessen künftige Entwicklungsrichtung. Wir haben
keine im klassischen Sinne repräsentative Meinungsbilder, aber
mit einem "demokratischen Delphi" müssten sich Abbilder des kollektiven
Bewusstseins dort gewinnen lassen, wo diese sichtbar sind: bei der Minderheit
der Zukunftsbewussten. Für diese Bewusstseins-Eliten müsste
ein demokratisches Delphi dann allerdings repräsentativ sein.
Es funktioniert
Soweit die Theorie. Die Praxis zeigt: Es funktioniert.
Lassen Sie all jene, die Fragen zu einem bestimmten Zukunftsthema, wie
etwa Werte-Wandel oder Lebensqualität, beantworten können
und wollen, genau das tun, und Sie haben schon mit 50 TeilnehmerInnen
ein stabiles und damit repräsentatives Meinungsbild dieser Zukunftselite.
Mehr TeilnehmerInnen sind natürlich sowohl erwünscht als auch
möglich, und sie lassen verfeinerte Analysen zu, doch mit 50 Antwortenden
liegen die Grundzüge des Meinungsbildes fest, und zwar unabhängig
davon, auf welchem Weg die Teilnehmer zur Umfrage gekommen sind.
Das klingt für Anhänger der alten Schule
von Repräsentativität ziemlich ketzerisch, ist aber vielfach
empirisch bestätigt. Natürlich gibt es Abweichungen im Nahbereich,
doch diese sind irrelevant, geht es doch hier anders als etwa bei Wahlprognosen
nicht um halbe Prozente, sondern um die grossen Linien in den abgebildeten
Zukunftsbildern.
Diese lassen sich mit "SensoNet", wie der Zukunfts-Philosoph
sein Instrument taufte, sehr stabil erfassen. SensoNet zeigt, was die
Bewusstseins-Elite denkt - und was damit mit großer Wahrscheinlichkeit
morgen, spätestens aber übermorgen, Teil des kollektiven Bewusstseins
wird.
Der Zukunfts-Philosoph: Andreas
Giger
Mehr über ihn
hier.