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Wege in die Zukunft

(Ergebnisse der SensoNet-Umfrage Januar 2005 / TeilnehmerInnen: 152)

8. Der Europäische Traum

Das bekannteste Beispiel für kollektive Träume ist der Amerikanische Traum. Lange sah es so aus, als ob dieser Traum übermächtige Anziehungskraft hätte und sich deshalb allmählich auf den ganzen Globus ausbreiten würde. Nun kommt ein Amerikaner daher, der von sich selbst sagt, er sei vom Amerikanischen Traum bis in die Knochen geprägt, und behauptet, es gäbe einen anderen Traum, der in Zukunft attraktiver und erfolgreicher sein werde als der Amerikanische: den Europäischen Traum.

Der Autor Jeremy Rifkin ist Ökonom, leitet das Institut "The Foundation on Economic Trends" in Washington, D.C., ist Hochschullehrer und berät in Europa nicht nur führende Parteien und Politiker, sondern auch die Europäische Kommission. Als Wanderer zwischen den Welten hält er den Europþern einen Spiegel vor, ob dessen Anblick sich diese zunächst einmal verwundert die Augen reiben. Nicht nur haben sie von der Existenz eines Europäischen Traums bisher nichts gehört- – dieses unbekannte Wesen soll auch noch zukunftsträchtiger sein als sein amerikanisches Gegenstück ?

Und um die Zumutung voll zu machen, wird noch die Behauptung drauf gesattelt, nicht der Zustand der realen Volkswirtschaft sei entscheidend für die Zukunftsfähigkeit - wobei die angebliche Überlegenheit der amerikanischen Wirtschaft von Rifkin kräftig demontiert wird - sondern das kulturelle Betriebssystem, also so schwer fassbare "Dinge" wie Werte, Visionen oder gar Träume.

Diese These ist in unserer durch und durch materiellen und ökonomisierten Gesellschaft zunächst schwer zu schlucken. Ein Gedankenspiel wert ist sie allemal: Was wäre, wenn Werte tatsächlich immer wertvoller werden ? Dann stellt sich nämlich sofort die Frage, welche Werte wertvoller werden. Und schon sind wir mitten drin in Rifkins Vergleich zwischen dem Europäischen und dem Amerikanischen Traum:

Mit Werten und Sinn viel zu tun hat der "Europþische Traum", ein neues Buch von Jeremy Rifkin. Er entwickelt darin interessante Thesen über die Unterschiede zwischen amerikanischem und europäischem Traum und deren Tauglichkeit für die Zukunft. Wie sehr sind Sie mit seinen folgenden Kernthesen einverstanden ?

Jeweils mit Skala: 1=gar nicht; 2=weniger; 3=etwas; 4=ziemlich; 5=sehr

Europa hat deutlich andere Grundwerte als etwa die USA oder der Ferne Osten:  4.2

Dass ein Vergleich sinnvoll ist, erscheint SensoNet klar, denn die Unterschiede in den Grundwerten sind deutlich. Und das könnten gemäss Rifkin die europäischen Leitwerte sein:

Die europäischen Grundwerte sind Lebensqualität, Nachaltigkeit, Frieden und Harmonie: 3.7

Das sehen die Euopäer, wenn auch gedämpft, ebenfalls so.

Rifkin positioniert den europäischen Katalog von Grundwerten in der gesunden Mitte zwischen dem amerikanischen, in dem ein reiner Individualismus dominiert, und dem asiatischen, in dem nach wie vor das Kollektiv die Hauptrolle spielt. Also "Soft-Individualismus": Selbstverwirklichung ja, aber nicht als Ego-Tripp. In Europa gelten Gemeinschaftsbeziehungen mehr als individuelle Autonomie, Freiheit wird nicht als Unabhängikeit von anderen verstanden wie in den USA, sondern entfaltet sich erst im Eingebettetsein.

In Europa gelten Gemeinschaftsbeziehungen mehr als individuelle Autonomie: 3.2

Von innen gesehen scheint diese These deutlich weniger zuzutreffen als von aussen. Könnte es sein, dass Rifkin, der bestens vergleichen kann, hier den klareren Blick hat ? Immerhin, auch SensoNet schþtzt die These vom Vorrang der Gemeinschaftswerte nicht als falsch ein.

Weitere Unterschiede sieht Rifkin darin, dass in Europa kulturelle Vielfalt wichtiger sei als Vereinheitlichung, weshalb Europas Kultur im Gegensatz zur exklusiven Amerikas eine inklusive sei.

In Europa ist kulturelle Vielfalt wichtiger als Vereinheitlichung: 3.8

Hier erntet Rifkin deutliche Zustimmung von Europäern. Kulturelle Vielfalt und deren Wertschätzung zählen zur Kern-Identitþt Euopas.

Europa sei weniger materialistisch orientiert als die USA, Lebensqualität sei im Zweifelsfall wichtiger als die Anhäufnung von Reichtum:

Lebensqualitþt zählt in Europa mehr als die Anhäufnung von Reichtum: 3.1

So postmaterialistisch wie Rifkin sehen sich die Europäer selbst offenbar nicht. Immerhin hat sich bereits so etwas wie eine postmaterialistische, an Lebensqualität orientierte Teil-Identität gebildet....

Spielerische Entfaltung komme in Europa vor ständiger Plackerei, meint jedenfalls Rifkin:

Spielerische Entfaltung kommt in Europa vor ständiger Plackerei: 2.4

Damit ist SensoNet nun gar nicht einverstanden. Vergleicht man allerdings etwa europäische mit amerikanischen Arbeitszeiten oder Urlaubsrechten, könnte Rifkin doch Recht haben - jedenfalls relativ gesehen...

Statt auf unbegrenztes materielles Wachstum setze Europa mehr auf nachhaltige Entwicklung. Die universellen Menschenrechte und die Rechte der Natur würden in Europa höher eingeschätzt als Eigentumsrechte. Deswegen auch setze Europa mehr auf globale Zusammenarbeit als auf einseitige Machtausübung:

Europa setzt mehr auf nachhaltige Entwicklung als auf unbegrenztes materielles Wachstum: 3.1

Universelle Menschenrechte und die Rechte der Natur werden in Europa höher eingeschätzt als Eigentumsrechte: 3.2

Europa setzt mehr auf globale Zusammenarbeit als auf einseitige Machtausübung: 3.6

Abgesehen vom letzten Punkt ist das Selbstbild in Sachen europäischer Werte-Orientierung wesentlich düsterer als Rifkins Bild von aussen. Immerhin: In der Tendenz sind sich beide Bilder einig.

Besonders positiv sieht Rifkin die Evolution der EU. Sie sei der beste Beweis, dass es eben doch möglich sei, aus der Geschichte zu lernen:

Europa ist der beste Beweis dafür, dass man aus der Geschichte lernen kann: 3.4

An dieser Stelle habe ich den Verdacht, etwas von der deutschsprachigen Neigung, in düstervolles Klagen zu verfallen und darob glatt zu übersehen, worauf man eigentlich stolz sein kann, hätte auch SensoNet ereilt... Natürlich ist der Beweis für die europäische Lernfähigkeit noch nicht für alle Zeiten erbracht, aber das Bisherige lässt mehr als hoffen.

Als Gemeinschaftsexperiment jenseits der Idee der Nationalstaaten sei die EU ein hoffnungsvolles historisches Unterfangen, das nicht mehr primär auf vertikale Hierarchien setzt, sondern auf horizontale Vernetzung. Für eben dieses vernetztes Denken und Handeln habe Europa dank seiner Geschichte und Kultur beste Voraussetzungen. Und damit glänzende Chancen für die Zukunft, in der Vernetzung immer wichtiger wird.

Europa wagt mit der EU ein Gemeinschaftsexperiment jenseits der Nationalstaats: 3.8

Also doch: Mut zum Experiment gesteht sich Europa selber zu.

Europa hat dank seiner Tradition beste Voraussetzungen für vernetztes Denken und Handeln: 3.7

Auch in Sachen Vernetzungsfähigkeit scheint sich eine europäische Identität herauszubilden.

Man kann Rifkin eine leichte euphorische Abgehbobenheit unterstellen, wenn er zum Schluss als Quintessenz formuliert: "Für den Amerikanischen Traum lohnt es sich zu sterben. Für den Europäischen zu leben." Doch weil man ihm auch Recht geben muss, wenn er anregt, der Euopäische Traum könnte sich vom Amerikanischen ein gutes Stück Eigenverantwortung und Zukunfts-Optimismus abschneiden, könnten wir auch einfach Danke sagen für diese Sicht der Dinge. Und uns als Zeichen dieses Dankes auch überlegen, ob an dieser Diagnose nicht doch was dran sei.

Für den Europþischen Traum lohnt es sich zu sterben. Für den Europäischen zu leben: 2.7

Vom Amerikanischen Traum kann Europa Eigenverantwortung und Optimismus lernen: 3.6

Na ja, das mit dem Sterben ist etwas viel Pathos, aber mit Rifkins freundschaftlichem Rat kann sich SensoNet anfreunden.

Weil Europa im Gegensatz zu den USA Gott sei Dank nicht mehr das Gefühl hat, Gottes eigenes und auserwähltes Land zu sein,  kann Europa nur Selbstbewusstsein entwickeln, wenn es Selbst-Bewusstsein entwickelt: ein Bewusstsein seines eigenen Erbes, seiner immateriellen Stþrken und Werte. Europa hat Zukunft, wenn es seinen Traum lebt, als sanfte Supermacht, die nicht nach Dominanz strebt, sondern nach seinen eigenen Werten.

Der Europäische Traum hat Zukunf: 3.7

Von wegen "Altes Europa". Langsam aber sicher beginnen selbst die selbstkritischen Europäer an die Zukunft ihres Traums zu glauben, der auf einigen zentralen Grundwerten aufgebaut ist.


Die einzelnen Themen von "Wege in die Zukunft":

1. Optimismus oder Pessimismus ?

2. Lebensqualität und Generationen

3. Trends und ihre Konsequenzen

4. Die Zukunft der Werte

5. Luxus: Die High-Class-Werte

6. Lebenssinn und Sinn-Quellen

7. Werte werden was wert

8. Der Europäische Traum