Seit
Jahren hinken die Wachstumsraten des alten Europas hinter jenen des
neuen Europas, Nordamerikas oder gar Südostasiens hinterher.
Die deutschsprachigen Länder verbessern diese Bilanz nicht, im
Gegenteil. Weit und breit ist nichts abzusehen, das uns wieder die
alten hohen Wachstumsraten bringen wird.
Sättigung
auf hohem Niveau wird hier zu Lande also zum höchsten der Gefühle
werden. Mittelfristig ist sogar Schrumpfung angesagt, schon wegen
der sinkenden Bevölkerungszahlen. Der Kuchen wird nicht mehr
wachsen.
Dazu
kommen steigende "Zwangsabgaben", neutraler formuliert zunehmende
Kosten für all das, was nun mal sein muss. Auch das wird die
frei verfügbare Kaufkraft schrumpfen lassen.
Das
alles führt vor allem beim Mittelstand zu abnehmender freier
Kaufkraft. Dazu kommt eine zunehmende Schere bei der Kaufkraft: Sowohl
die Zahl der Armen als auch jene der Reichen wird wachsen, was den
Mittelstand weiter erodieren lässt.
All
das sind gängige Prognosen. Wir können sie hier nicht auf
ihren Wahreitsgehalt hin untersuchen, wohl aber daraufhin, ob das
die Zukunftsbilder sind, welche die Avantgarden von Markt und Marketing
im Kopf haben.
Die
Antwort lautet weitgehend ja. Markt und Marketing gehen davon aus,
dass die fetten Jahre vorbei sind, dass die Jagd nach immer noch mehr
Geld für die meisten aussichtslos werden wird. Im Einzelnen sehen
diese Bilder so aus:
Kaufkraft:
Tendenz sinkend - mit Ausnahmen
Von
SensoNet wollten wir wissen, wie die Entwicklung der eigenen, persönlichen
Kaufkraft eingeschätzt wird. Von MARKETING MORGEN dagegen wollten
wir wissen, wie die Entwicklung der durchschnittlichen Kaufkraft im
Gesamtmarkt eingeschätzt wird. Die Ergebnisse könnten unterschiedlicher
kaum sein:
Die
Entwicklung der Kaufkraft im Gesamtmarkt liegt eindeutig im roten
Bereich (untere Balken). Die Tendenz geht abwärts, und sie wird
das weiterhin tun. Da Marketing-Menschen in solchen Dingen eigentlich
Bescheid wissen müssten, können wir davon ausgehen, dass
diese Einschätzung stimmt.
Anders
die Entwicklung bei SensoNet. In der Minderheit der geistigen Elite
war in den letzten zehn Jahren ein moderater Anstieg der Kaufkraft
zu verzeichnen, und ähnlich moderat soll es auch im nächsten
Jahrzehnt aufwärts gehen.
Geist
kann sich also doch direkt in Geld umsetzen... Jedenfalls gibt es
hier eine auch kaufkraftmässig interessante Gruppe von Konsumentinnen
und Konsumenten zu entdecken.
Einkommensentwicklung:
Tendenz eher sinkend
Beiden
Gruppen haben wir die folgenden Fragen zu den Rahmenbedingungen der
Kaufkraftentwicklung gleich lautend gestellt, so dass hier direkte
Vergleiche möglich werden.
Die
erste Frage betraf eine Prognose der Entwicklung der durchschnittlichen
Einkommen im deutschsprachigen Raum:
Hier
sind sich SensoNet (Markt) und MARKETING MORGEN (Marketing) weitgehend
einig: Die Durchschnittseinkommen werden bei uns tendenziell sinken.
Wenn es um die anderen geht, ist SensoNet sogar noch etwas pessimistischer
als MARKETING MORGEN.
Klar
ist: Von der Einkommensseite her wird die Kaufkraftentwicklung keine
positiven Impulse bekommen. Eher ist das Gegenteil zu erwarten.
"Zwangsabgaben":
Deutliche Steigerungstendenz
Die
frei verfügbare Kaufkraft können wir definieren als Einkommen
minus Zwangsabgaben, also als feste, nicht veränderbare Ausgaben
wir Steuern, Rentenbeiträge oder Krankenversicherungen. Steigen
diese festen Ausgaben, wird die frei verfügbare Kaufkraft geschmälert,
vor allem dann, wenn, wie eben gesehen, die Gesamteinkommen eher schrumpfen
werden. Von diesem Szenario (weiter) steigender fester Ausgaben ist
offensichtlich auszugehen:
Hier
sind die Prognosen weitgehend deckungsleich: Eine grosse Mehrheit
erwartet weiter steigende feste Ausgaben, auch wenn man kaum von einer
Explosion dieser Kosten ausgeht.
Damit
ist klar: Auch von dieser Seite her wird die frei verfügbare
Kaufkraft angeknabbert werden.
Preise:
Unsichere Aussichten
Natürlich
hängt die frei verfügbare Kaufkraft auch von der Entwicklung
der Preise ab: Gehen diese im Schnitt runter, steigt die Kaufkraft,
gehen sie stattdessen rauf, schrumpft sie. So einfach ist das - allerdings
ist man sich in dieser Frage weit weniger einig als bei anderen:
Zunächst
ist hier das Meinungsbild ausgewogener: Es gibt einen Teil, der eher
Preissteigerungen erwartet, einen, der auf stabile Preise setzt, und
einen, der sinkende Preise erwartet. Eine klare Tendenz ist insgesamt
nicht auszumachen.
Deutlich
sind auch die Unterschiede zwischen beiden Gruppen: Während SensoNet,
die Avantgarde des Marktes, doch deutlich mehrheitlich steigende Preise
erwartet, sind die drei Gruppen bei MARKETING MORGEN, der Avantgarde
des Marketings, gleichmässiger verteilt.
In
der Frage der künftigen Preisentwicklung erhalten wir also keine
eindeutigen Signale. Das könnte auch daran liegen, dass die Frage
nach der generellen Preisentwicklung zu pauschal war. Zu erwarten
ist tatsächlich, je nach Markt, eine differenzierte Entwicklung
der Preise.
Armut:
Klar steigende Tendenz
Unsere
ganze Wirtschaft beruht zu wesentlichen Teilen auf dem Mittelstand.
Wenn die Ränder der sozialen Schichtung wachsen, schrumpft der
Mittelstand zwangsläufig. Wir wollten es deshalb genau wissen:
Wie entwickelt sich die Zahl der Armen? Und wie jene der Reichen?
Hier
sind die Zukunftsbilder ebenso eindeutig wie einhellig: Die Zahl der
Armen wird wachsen. Offen ist allenfalls, wie stark. Dramatisiert
wird das weder von SensoNet noch von MARKETING MORGEN, doch die Tendenz
ist klar.
Reichtum:
Ebenfalls deutlich aufwärts
Auch
die Frage nach dem anderen Pol der Schere brachte ein eindeutiges
Bild:
Eine
deutliche Mehrheit in beiden Gruppen glaubt, dass auch die Zahl der
Reichen weiter wachsen wird. Bei den Marketing-Fachleuten ist diese
Prognose noch etwas ausgeprägter.
Ob
diese Entwicklung wünschbar ist oder nicht: Beide Gewährsgruppen
gehen davon aus, dass sich die soziale Schere weiter öffnen wird,
indem sowohl die Reichen als auch die Armen zahlenmässig wachsen
und damit den Bereich dazwischen, jenen des Mittelstandes, schrumpfen
lassen.
Szenarios
der Kaufkraftentwicklung: Zu wahr, um schön zu sein
Welche
Zukunftsbilder in Sachen Kaufkraftentwicklung in den Köpfen der
Avantgarden von Markt und Marketing stecken, erschliesst sich auch
durch eine andere Fragenform, in der nach Wünschbarkeit und Wahrscheinlichkeit
von Szenarios gefragt wurde, jeweils mit einer zehnstufigen Skala:
Für
alle drei Szenarios gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit: Nur noch
höchst bescheidenes Wirtschaftswachstum. Wachsende Kluft zwischen
Arm und Reich, verarmender Mittelstand. Und aus verschiedenen Gründen
real sinkende frei verfügbare Kaufkraft.
In
den beiden letzten Fällen ist auch klar: Das sind höchst
unerwünschte Szenarios. Beim ausbleibenden Wirtschaftswachstum
dagegen ist die Bewertung uneinheitlicher, es gibt auch viele, die
das für eine durchaus erwünschte Entwicklung halten.
Noch
einmal: Das sind keine sicheren Prognosen, sondern die Zukunftsbilder
der Avantgarden von Markt und Marketing. Diese Bilder sind eindeutig:
Erwartet werden sinkende Einkommen, steigende Zwangsabgaben und damit
eine Schmälerung der frei verfügbaren Kaufkraft. Und erwartet
wird ein weiteres Auseinanderklaffen der sozialen Schere, mit allen
negativen Folgen vor allem für den Mittelstand. Die Zeiten, in
denen ein Grossteil der Konsumentinnen und Konsumenten mit stetig
steigender Kaufkraft rechnen konnte, sind endgültig vorbei.Diese
Zukunftsbilder prägen.