Wenn
der gewohnte Konsum-Standard trotz tendenziell sinkender Kaufkraft
beibehalten werden soll, gibt es nur eines: billiger konsumieren.
So gesehen ist es logisch, dass billige Preise für ein wachsendes
Segment der Konsumenten notgedrungen zum Thema werden.
Umgekehrt
ist es folgerichtig, dass sich ein Marketing entwickelt hat, das ganz
auf möglichst tiefe Preise setzt. Diese Tiefstpreis-Strategie
im Marketing gipfelt im berühmt-berüchtigten Slogan "Geiz
ist geil!"
Doch
wie attraktiv ist dieser Slogan wirklich? Welche Rolle spielen Preise
bei Konsumentscheidungen? Ist eine elementare Voraussetzung überhaupt
gegeben, nämlich das Wissen um die Preise? Welche Argumente sprechen
auf Seiten des Marketings für und gegen eine Tiefstpreis-Strategie?
Wie stehen deren Chancen?
Diese
Fragen werden in diesem Kapitel beantwortet. Sie laufen letztlich
alle auf eine einzige Frage hinaus: Liegt die Zukunft des Marketings
wirklich darin, ausschliesslich auf tiefe Preise zu setzen?
Ist
Geiz wirklich geil?
Um
gleich mitten in das Thema zu hüpfen: Was denken die Avantgarden
von Markt und Marketing vom ebenso berühmten wie berüchtigten
Werbeslogan "Geiz ist geil!"? Ist er wirklich zum Leitmotiv
einer ganzen Epoche geworden? Die Antwort ist ein klares Nein:
Bei
SensoNet ist der Fall glasklar: Eine Mehrheit findet den Slogan nicht
nur schlecht, sondern sogar total daneben. Nun wissen wir, dass diese
Avantgarde des Marktes gut reden hat, kann sie doch von noch steigender
Kaufkraft ausgehen. Hier ist die Meinung von SensoNet also sicher
nicht die durchschnittliche. Klar ist aber auch, dass bei dieser wichtigen
Zielgruppe eine Tiefstpreis-Strategie abschreckend wirkt, wenn sie
so eindimensional ist wie beim Slogan "Geiz ist geil!".
Im
Marketing gibt es dazu etwas mehr Zustimmung, aber auch hier ist eine
Mehrheit dagegen. Viel Staat ist mit "Geiz ist geil!" also
bei beiden Avantgarden nicht zu machen.
Die
Rolle tiefer Preise bei Kaufentscheidungen
Welche
Rolle spielen tiefe Preise heute? Und wie hat sich das entwickelt?
Beide Fragen wurden ausnahmsweise nur SensoNet gestellt:
Möglichst
tiefe Preise spielen für SensoNet also nach wie vor nicht die
Hauptrolle, sind aber klar wichtiger geworden, teils aus Überzeugung,
teils notgedrungen.
Preisbewusstsein:
Nicht sehr ausgeprägt
Damit
das Preisargument im Marketing überhaupt wirksam werden kann,
müssen die Preise bekannt sein. Wie weit das in einzelnen Konsumbereichen
wirklich der Fall ist, haben wir SensoNet gefragt:
Es
gibt gerade mal fünf Konsumbereiche (von 15 getesteten), in denen
eine Mehrheit von SensoNet behauptet, gut oder sehr gut über
die Preise Bescheid zu wissen: Bücher u.ä., Ernährung,
Bekleidung, Wohnen und Print-Medien.
Umgekehrt
gibt eine Mehrheit zu, schlecht bis gar nicht Bescheid zu wissen über
die Preise von TV-Empfangsgebühren und Finanzdienstleistungen.
Beim breiten Mittelfeld zeigt sich ein unterschiedlich ausgeprägtes
Preisbewusstsein.
Die
Ergebnisse von SensoNet können sicher nicht unbesehen auf den
Gesamtmarkt übertragen werden, dazu sind die Interessen dieser
geistigen Elite zu spezifisch. Hingegen kann man wohl verallgemeinern,
dass die wenigsten Konsumenten in allen Konsumbereichen gleich gut
über die Preise Bescheid wissen.
Geht
vermutlich auch gar nicht. Umso wichtiger ist es, sorgfältig
das jeweilige Preisbewusstsein abzuklären, bevor auf eine Tiefstpreis-Strategie
gesetzt wird. Wenn eh niemand weiss, was tiefe Preise sind, verpufft
diese Strategie sehr schnell...
Tiefstpreis-Strategien
im Marketing: Pro und contra
"Geiz
ist geil!" kommt bei der Avantgarde des Marketings nur bedingt
an. Liegt das nur an der Formulierung oder doch an der dahinter liegenden
Strategie? Wir haben gefragt:
Ganz
einig ist sich die Avantgarde des Marketings hier nicht: Wohl ist
eine Mehrheit gegen Tiefstpreis-Strategien, doch gibt es auch eine
nicht unbeträchtliche Anzahl an Befürwortern.
Welche
Argumente sprechen für bzw. gegen eine forcierte Tiefstpreis-Strategie?
In den Antworten von MARKETING MORGEN wird vor allem klar, worin der
Haupteinwand gegen den Vorrang von Tiefstpreis-Strategien besteht:
Diese sind kurzfristig angelegt und deshalb eigentlich gar keine Strategien.
In einer längerfristigen Perspektive, dies die grosse Befürchtung,
sägen sie den Ast ab, auf dem das Marketing sitzt.
Mit
den Gegenargumenten ist MARKETING MORGEN zwar insgesamt stärker
einverstanden als mit den Pro-Argumenten, doch gibt es offensichtlich
nicht das eine voll und ganz überzeugende Killerargument. Eher
einverstanden ist man mit diesen Argumenten: Zu eindimensional sei eine
Tiefstpreis-Strategie. Sie ziehe das Qualitäts-Niveau runter, verhindere
den Aufbau loyaler Kundenbeziehungen, sei zu kurzfristig angelegt, und
verunmögliche die nötigen Margen.
Das
sind lauter ehrenwerte Einwände, die offensichtlich erst in der
Summe wirklich überzeugen, nicht aber einzeln.
Eine
gewisse Unsicherheit wird auch spürbar, wenn es um die Wünsche
und Bedürfnisse der Konsumenten geht. Man scheint im Marketing
zu spüren, dass mindestens ein Teil der Konsumenten tatsächlich
müglichst tiefe Preise will - oder braucht.
Allzu
viel Zustimmung finden umgekehrt die Argumente für den Vorrang
von Tiefstpreis-Strategien nicht. Immerhin wird deutlich, warum dieser
Ansatz nicht auf vollständige Ablehnung stösst: Man nimmt
an, dass er teilweise den Kundenbedürfnissen entspricht, und
man sieht die heilsame Konsequenz, dass Preisdruck die Wettbewerbsfähigkeit
erhöht. Teilweise wird die Tiefstpreis-Strategie auch als Folge
der Globalisierung erlebt, und damit als unabänderlich. Der Verweis
auf die reine Lehre der Marktwirtschaft zieht dagegen nicht. Und eindeutig
ist: Der Spassfaktor hat in einem solchen Marketing keinen Platz:
Chancen
von Tiefstpreis-Strategien
Welche
Chancen gibt MARKETING MORGEN den modischen Tiefstpreis-Strategien?
Wir haben vorsichtshalber differenziert nach den Chancen in den beiden
Ländern Deutschland und Schweiz gefragt:
Für
die Schweiz ist die Prognose klar: Tiefstpreis-Strategien werden sich
durchsetzen, aber nur in bestimmten Marktsegmenten. Als dominante
Strategie auf breiter Front hat sie keine Chance.
Anders
in Deutschland: Dort sieht eine qualifizierte Minderheit gar den Sieg
der Tiefstpreis-Strategien auf breiter Front voraus.
Aus der Sicht der Vorhut
des Marketings in der Schweiz (daher stammen über 80 Prozent
der TeilnehmerInnen an der Umfrage) wird es also weiterhin den Sonderfall
Schweiz geben, in dem tiefstmögliche Preise nicht so wichtig
sind wie in Deutschland. Erst die Zukunft wird zeigen, ob diese Prognose
richtig ist.
MAREKTING
MORGEN findet eine Zukunft, in der Tiefstpreis-Strategien mindestens
partiell immer wichtiger werden, nicht unbedingt erstrebenswert. Aber
die Vordenkerinnen und - denker des Marketings sind realistisch genug,
um mit dieser unausweichlichen Perspektive leben zu lernen.