Wenn
das Gut Geld infolge abnehmeder Kaufkraft für das durchschnittliche
Individuum knapper wird, gibt es zwei Modelle der Reaktion auf diese
Veränderung:
1.
Dem klassisch ökonomischen Modell folgend, wird ein knapperes
Gut wertvoller. Demzufolge müssten wir unsere Investitionen an
Zeit, Energie, Aufmerksamkeit etc. steigern, um den wertvoller gewordenen
Wert Geld weiterhin realisieren zu können.
2. Denkbar
ist aber auch, dass es eine Verschiebung der Werte geben wird, einen
eigentlichen Werte-Wandel. Werte sind ja zunächst all das, was
uns etwas wert ist, dazu können materielle ebenso wie immaterielle
Werte gehören. Es könnte also sein, dass materielle Werte
wertloser werden, während immaterielle wertvoller werden.
Immaterielle
Werte können wir gleichsetzen mit geistigen Werten. Leicht verkürzt
würde also das zweite Modell eine Akzentverschiebung weg vom
Geld und hin zum Geist bedeuten. Gibt es eine solche Entwicklung wirklich
- und ist sie wünschbar? Das sind die Fragen, denen wir in diesem
Kapitel nachgehen. Zum Schluss desselben geht es dann noch um die
Frage, welche Zusammenhänge zwischen Geld und Geist, sprich zwischen
Kaufkraft und Lebensqualität, bestehen.
Ende
des Tanzes um das goldene Kalb?
Die
Jagd nach immer noch mehr Geld findet schon im alten Testament ein
schönes Bild: den Tanz um das goldene Kalb. Den gibt es offenbar
seit uralten Zeiten - doch wird er eines Tages ein Ende finden? Wir
haben SensoNet und MARKETING MORGEN genau diese Frage gestellt:
Obwohl bei solchen Fragen
sonst die beiden Gruppen ähnlich ticken, gibt es hier einen deutlichen
Unterschied: Bei MARKETING MORGEN findet sich eine Zweidrittelmehrheit,
die nicht an ein Ende des Tanzes um das goldene Kalb glaubt, während
bei SensoNet eine (allerdings sehr) knappe Mehrheit davon ausgeht,
die Jagd nach immer noch mehr Geld käme in unseren Gegenden allmählich
zum Stillstand.
Wie
dem auch sei: Wer auch immer an ein Ende des Tanzes um das goldene
Kalb glaubt, tut dies mehrheitlich nicht etwa aus Vertrauen in die
Einsichtsfähigkeit der Menschen heraus ("weil wir lernen,
Lebensqualität von materiellem Wachstum zu entkoppeln"),
sondern weil er (oder sie) glaubt, das geschähe mehr aus Zwang,
weil es einfach kaum noch Wachtsumschancen gäbe. Das entspricht
exakt der weiter oben skizzierten envolutionären Logik: Das Wachstum
beim Geld ist vorbei, weshalb sich die Menschen anderen Werten zuwenden.
Ob nun eine respektable Minderheit im Marketing oder die Hälfte
von SensoNet diese Entwicklung für wahrscheinlich hält,
ist weniger wichtig. Der Trend geht in diese Richtung, auch wenn seine
volle Realisierung noch dauern wird.
Das
persönliche Verhältnis zwischen Geld und Geist
Man
kann das Verhältnis zwischen Geld und Geist im eigenen Leben
auch ganz direkt erfragen, und zwar so:
Im
persönlichen Leben kann die Balance zwischen Geld und Geist unterschiedlich
sein. Wie würden Sie Ihre aktuelle Balance zwischen Geld und
Geist heute einstufen? Welche Antwort hätten Sie vor zehn Jahren
gewählt?Und welche Antwort werden Sie wohl in zehn Jahren wählen?
In
beiden Gruppen ist der postulierte Trend weg vom Geld und hin zum
Geist klar nachweisbar (jedenfalls in der Selbsteinschätzung
der Befragten): Vor zehn Jahren war der geistige Pol weniger wichtig
als heute, in zehn Jahren wird seine Bedeutung noch einmal gewachsen
sein.
Unterschiedlich
sind die Ausgangspositionen, das heisst, die Avantgarde des Marktes
ist von einer relativ stärkeren Position des Geldes aus gestartet
als jene des Marktes. Die Entwicklung verläuft jedoch in dieselbe
Richtung, und auch bei MARKETING MORGEN geht fast die Hälfte
davon aus, dass in zehn Jahren der Pol Geist dominieren wird.
Die
Bedeutung von Geld wird also nicht verschwinden, zumal ein "ausgewogenes
Verhältnis" zwischen beiden attraktiv zu sein scheint. Doch
Geist wird eindeutig wichtiger.
Das
gesellschaftliche Verhältnis zwischen Geld und Geist
Etwas
anders präsentiert sich das Bild, wenn wir nicht mehr nach dem
eigenen, persönlichen Verhältnis zwischen Geld und Geist
fragen, sondern an die Gesellschaft als Ganzes (im deutschsprachigen
Raum) denken lassen:
Beide
Gruppen sind sich einig: In der Gesellschaft als Ganzer dominiert
nach wie vor das Geld. Und zwar deutlich stärker als noch vor
zehn Jahren. Und in zehn Jahren wird der Geist zwar leichte Fortschritte
gemacht haben, aber letztlich erst wieder jene Position erreichen,
die er vor zehn Jahren schon mal innehatte.
In
dieser Einschtäzung gibt es zwischen den beiden Gruppen zwar
leichte Unterschiede, aber die Gemeinsamkeiten überwiegen: Wir
leben in einer Gesellschaft, in der das Geld gegenüber dem Geist
dominiert. Im Vergleich mit sich selbst bedeutet dies: Beide Avantgarden
leben nicht in einer Umwelt, die ihrer eigenen Haltung entspricht,
in welcher der Geist eine wesentlich stärkere Rolle spielt. Sie
empfinden sich insofern als Aussenseiter. Doch das gehört zu
einer echten Avantgarde...
Offen
bleiben muss für mich, wie es zur vorliegenden Einschätzung
der historischen Entwicklung im letzten Jahrzehnt gekommen ist. Ob
unsere Gesellschaft verglichen mit 1995, als so ungefähr die
"New Economy" begann, wirklich so deutlich materialistischer
geworden ist, wage ich nicht zu entscheiden. Fest steht, dass beide
Avantgarden es so wahrnehmen. Und eine Korrektur dieser Entwicklung
erwarten.
Szenarios
zwischen Geld und Geist
Wir
haben bereits einmal drei Szenarios in Sachen Entwicklung der Kaufkraft
auf Wünschbarkeit und Wahrscheinlichkeit hin getestet. Mit derselben
Methode wurden drei weitere Szenarios untersucht, die explizit auf
das Verhältnis zwischen Geld und Geist Bezug nehmen:
Bei
dieser Frage ergibt sich das bereits bekannte Bild einer weitgehenden
Übereinstimmung zwischen den beiden Gruppen, die Unterschiede
sind minimal und können vernachlässigt werden.
Alle
drei Szenarios sind demnach hochgradig attraktiv, also wünschenswert.
Und alle drei sprechen vom Schlüsseltrend: Von Geld zu Geist.
Von materiellen zu immateriellen Werten. Von Besitz zu Lebensqualität.
Dieser Schlüsseltrend entspricht nicht nur der evolutionären
Logik, er erscheint auch schön und damit attraktiv, jedenfalls
für die Avantgarden von Markt und Marketing.
Kaum
jemand erwartet allerdings eine rasche Realisierung dieser Szenarios,
ihre Wahrscheinlichkeit liegt leicht unter dem Mittelwert. Als chancenlos
werden sie damit allerdings auch nicht betrachtet. Was so wünschbar
ist, wird eines Tages auch wahrscheinlich. Darauf können wir
uns einstellen.
Kaufkraft
und Lebensqualität
Lange
galt der Grundsatz: mehr Einkommen = höherer Lebensstandard =
mehr Glück. Daran glauben wir nicht mehr, und die Forschung hat
längst nachgewiesen, dass es zwar ein Minimaleinkommen als Voraussetzung
für Lebensglück braucht, doch auch, dass alles, was darüber
hinaus an Einkommen rein kommt, keineswegs automatisch mehr Glück
bringt. Nichtsdestotrotz stellt sich natürlich die Frage nach
dem Zusammenhang zwischen Kaufkraft und Lebensqualität:
Tatsächlich:
Nur eine Minderheit glaubt, steigende Kaufkraft bedeute automatisch
auch steigende Lebensqualität. Umgekehrt gilt auch: Nur eine
noch kleinere Minderheit glaubt, weniger Kaufkraft könne sogar
mehr Lebensqualität bedeuten. Diese beiden extremen Positionen
gibt es zwar, aber sie sind in der Minderheit.
Anders
die drei gemässigten Meinungen, die allesamt eine zustimmende
Mehrheit finden: Stabile Lebensqualität ist auch bei abnehmender
Kaufkraft möglich. Ja, die Lebensqualität kann wachsen,
auch wenn die Kaufkraft stagniert. Allerdings sagt auch eine deutliche
Mehrheit, stabile Lebensqualität sei an stabile Kaufkraft gekoppelt.
Das
Bild ist also nicht ganz frei von Widersprüchen. Dennoch scheint
klar: Kaufkraft und Lebensqualität entkoppeln sich, wenn auch
nur innerhalb gewisser Grenzen. Das optimale Szenario für SensoNet
wäre demnach eine Erhaltung der heutigen Kaufkraft, denn das
würde es ermöglichen, die eigene Lebensqualität weiter
zu verbessern.