Die
kluge Reaktion auf die Überflussgesellschaft
oder
Hintergründiges
zum Simplify-Trend
Zu Ursachen
und Hintergründen des Simplfy-Trends, zu seinen erwarteten Auswirkungen
sowie zur Einschätzung seiner Relevanz haben wir für die große
Umfrage eine Reihe von Statements formuliert, zu den die Befragten den
Grad ihrer Zustimmung wiederum auf einer Zehnerskala äußern
konnten:
Zu den
Faktoren, welche eine weitere Ausbreitung der "neuen Einfachheit" behindern
oder fördern könnten, gibt es unterschiedliche Argumente,
von denen Sie einige nachstehend finden. Bitte äussern Sie auch
hier wieder den Grad Ihres Einverständnisses mit dem jeweiligen
Argument in der gewohnten Form mit einer Zahl zwischen 1 und 10.´
Bevor wir
zu den Ergebnissen im Einzelnen kommen, sei darauf verwiesen, dass die
Zustimmungsraten bei dieser Frage im Schnitt wesentlich tiefer liegen
als bei den Thesen zur Lebensphilosophie des Essenziellen. Sie bewegen
sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, um den mittleren Bereich der
Skala (5.5) herum. Während sich die Befragten also bei den Inhalten
des Simplify-Trends weitgehend einig sind, gibt es zu dessen Hintergründen
ein sehr viel unscharferes Bild.
Das bedeutet:
Inhaltlich leuchtet der Trend unmittelbar und intuitiv ein. Seine Hintergründe
bedürfen einer gewissen Reflexion, die auch beim interessierten
Publikum unserer Umfrage offenbar erst im spärlicheren Ausmaß
stattgefunden hat. Das ändert, wie in den nächsten Kapiteln
dargelegt wird, nichts daran, dass der Trend relevant ist und noch mehr
werden wird, und dass er spürbare Auswirkungen, gerade auch auf
das Konsumverhalten, haben wird.
Es folgen
nun die, anders als in der Umfrage, thematisch geordneten Statements
mit dem jeweiligen Grad an Zustimmung sowie einem kurzen Kommentar.
Wurzeln
und Gründe des Simplify-Trends
Die neue
Einfachheit ist die Rückbesinnung auf ein wertvolles Gut aller
kulturellen Traditionen.
Zustimmung:
5.7
Wie wir in
Kapitel 1 (Wurzeln) gezeigt wurde, ist die "neue Einfachheit" alles
andere als neu, sie nährt sich vielmehr aus kulturgeschichtlichen
Quellen, die bis ins alte Griechenland zurück reichen. Angesichts
des derzeit nicht besonders ausgeprägten historischen Bewusstseins,
um es mal vorsichtig auszudrücken, erstaunt es allerdings nicht
besonders, wenn diese Tatsache offenbar kaum bekannt ist. Selbst die
an sich eher überdurchschnittlich gebildeten TeilnehmerInnen von
SensoNet sind sich nur lau bewusst, auf welche mächtigen geistigen
Strömungen der aktuelle Simplify-Trend zurück geht.
Die neue
Einfachheit ist eine natürliche Reaktion auf die Überflussgesellschaft.
Zustimmung:
7.5
Von allen
14 getesteten Statements erhält dieses die höchste Zustimmung.
Das in Kapitel 1 entwickelte Bild vom zwischen zwei Polen schwingenden
Pendel überzeugt also offensichtlich: Der Simplify-Trend wird primär
als Gegenreaktion auf eine überbordende Entwicklung hin zur Überflussgesellschaft
gedeutet.
Eine schrumpfende
Wirtschaft wird zwangsläufig mehr Einfachheit bewirken.
Zustimmung:
5.4
Ob die Befragen
nun daran zweifeln, dass die Wirtschaft schrumpfen wird, oder daran,
dass das automatisch mehr Einfachheit bewirken wird: Von der Ökonomie
erwarten sie jedenfalls keine entscheidenden Impulse für den Simplify-Trend.
Der wachsende
Hunger nach Sinn führt ganz organisch zur neuen Einfachheit.
Zustimmung:
5.9
Dass die
Suche nach Sinn als spirituelle Dimension ganz entscheidend zu den Inhalten
des Trends zur neuen Einfachheit gehört, hat sich bei der Frage
nach den Werten hinter dem Simplify-Trend (Kapitel 2) deutlich gezeigt.
Für einen zentralen Antriebsmotor des Trends halten die Befragten
die Sinnsuche allerdings nicht. Das mag auch daran liegen, dass sie
Sinnsuche (noch) nicht für einen ausreichend kräftigen Trend
halten.
Die neue
Einfachheit ist eine momentane Reaktion auf die Überforderung durch
zunehmende Komplexität, doch die Menschheit wird sich dieser anpassen.
Zustimmung:
5.8
Noch eine
Frage, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet (was bekanntlich durchaus
für eine Frage sprechen kann): Sieht SensoNet hier das Erklärungsmuster
(Selbstheilungsprozess gegen Überforderung) nicht als gegeben,
oder zweifelt es daran, dass sich die Menschheit der zunehmenden Komplexität
anpassen wird ? Der Vorhang fällt, und alle Fragen bleiben offen...
Von allen
angebotenen Deutungsmustern für den Simplify-Trend überzeugt
also jenes von der "natürlichen Gegenreaktion auf die Überflussgesellschaft"
am stärksten. Der Rest verschwindet irgendwo im Nebel eines grauen
Unentschiedens. Das braucht uns nicht weiter zu kümmern: Für
die Relevanz eines Trends sind die Deutungsmuster seiner Herkunft von
untergeordneter Bedeutung.
Die Bedeutung
des Simplify-Trends
Die neue
Einfachheit ist nicht viel mehr als ein Modetrend, der bald wieder verschwinden
wird.
Zustimmung:
3.9
In diesem
Punkt gibt es zwar keine vollständige Einigkeit, aber doch eine
klare Meinung: Die neue Einfachheit ist mehr als ein Modetrend. Mit
seinem baldigen Ableben ist also nicht zu rechnen.
Die neue
Einfachheit ist eine Grundwelle, die zu grundlegenden Verschiebungen
in der Tektonik der Wertelandschaften führen wird.
Zustimmung:
5.7
Halb ja,
halb nein bedeutet: Der Simplify-Trend führt zu Verschiebungen
in der Wertelandschaft, aber nicht unbedingt zu grundlegenden. Wie wir
bereits festgestellt haben, ist der Simplify-Trend kein Megatrend. Wohl
aber ein Trend mit nicht zu unterschätzenden Auswirkungen.
Die neue
Einfachheit ist nur Gerede, in Wirklichkeit will eine von Gier getriebene
Gesellschaft immer mehr und mehr.
Zustimmung:
5.0
Allem kulturpessimistischen
Geraune zum Trotz: So von Gier getrieben wird unsere Gesellschaft nicht
eingeschätzt, als dass der Simplify-Trend keinerlei Chance hätte.
Mit seiner leichten Ablehnung dieses Statements äußert SensoNet
seinen grundsätzlichen Glauben an die Entwicklungsfähigkeit
der Gesellschaft, auch in Richtung neue Einfachheit.
Weil der
Kapitalismus ohne stetiges Wachstum nicht auskommt, hat die neue Einfachheit
keine Chance.
Zustimmung:
4.7
Entweder
kommt der Kapitalismus auch ohne stetiges Wachstum aus, oder er ist
nicht so stark, um seine Gesetze durchzusetzen, oder beides: Aus dieser
Ecke kommt jedenfalls kein entscheidendes Hindernis für die Ausbreitung
des Simplify-Trends.
Weil sie
tatsächlich mehr Lebensqualität schafft und mehr Sinn stiftet,
wird sich die neue Einfachheit als effizientere Lebensphilosophie durchsetzen.
Zustimmung:
5.7
Glauben würde
man es schon gerne, dass der Kampf der Trends ausschließlich auf
Grund der besseren Argumente entschieden wird, aber so richtig getrauen
tut man sich diesen Glauben denn auch wieder nicht. Dass die neue Einfachheit
einen Zuwachs an Lebensqualität und Sinn bringt, ist zwar in den
Augen der Befragungsteilnehmer weitgehend unbestritten, doch zweifeln
sie offenbar daran, dass sich diese Einsicht auf breiter Front auch
so einfach durchsetzen wird.
Die neue
Einfachheit ist Ausdruck einer Gesellschaft, die reifer und klüger
wird.
Zustimmung:
6.2
Hier wird
ein Stück keineswegs überbordenden, aber doch deutlichen Optimismus
spürbar: Bis zu einem gewissen Grad wird unserer Gesellschaft zugetraut,
dass sie sich positiv weiter entwickelt. Und noch etwas wird sichtbar:
Auch SensoNet sieht die engen Beziehungen zwischen dem Simplify-Trend
und dem Megatrend Reife, der zu einem Wertewandel in Richtung des Leitwerts
Weisheit führt.
In diesem
Abschnitt ist deutlich geworden, dass der Simplify-Trend mehr ist als
ein kurzlebiger Modetrend. Für seine weitere Ausbreitung ist nirgendwo
ein Raketentreibstoff in Sicht, der ihn in ungeahnte Höhen befördern
würde, aber auch keine unüberwindliche Mauer, an der er jählings
zerschellen müsste. Die Grundstimmung in seiner Umgebung kann als
vorsichtig optimistisch eingestuft werden.
Generelle
Auswirkungen
Die neue
Einfachheit führt schnurstracks zu den schrecklichen Vereinfachern.
Zustimmung:
3.6
Die neue
Einfachheit wird zu einer gesunden Mischung zwischen Essenz und Komplexität
führen.
Zustimmung:
6.7
Dass es auch
Zuviel an Vereinfachung geben kann, wird im Begriff der "terribles simplificateurs",
der schrecklichen Vereinfacher, sichtbar, Exemplare dieser Gattung sind
gerade in der Politik allenthalben unschwer zu finden. Die Angst vor
dieser Auswirkung des Simplify-Trends ist bei SensoNet nicht völlig
inexistent, aber auch nicht ausgeprägt. Viel eher erwartet man
einen Ausgleich zwischen den beiden Polen Einfachheit und Komplexität.
Die neue
Einfachheit könnte der Beitrag Europas zur Weltkultur werden.
Zustimmung:
5.0
Die Idee
stammte von einem Amerikaner. Schade, dass sie (noch) nicht aufgenommen
wurde. Aber einen Versuch war es allemal wert...