Welche Trends machen Zukunft?
Die gesellschaftlichen Trend-Cluster

Bilder: Andreas
Giger, Oktober 2008, Milia, Kreta
Im Bereich der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen ergab die
Faktorenanalyse ebenfalls vier sinnvolle Trend-Clusters, die im Folgenden
einzeln vorgestellt werden:
- Werte-Wandel
- Soziale Trends
- Konflikt-Trends
- Gender-Trends
Dazu kam eine Kategorie „Übriges“, aus der besonders der Einzeltrend
älter werdende Gesellschaft herausragt.
Auffällig ist, dass von den insgesamt getesteten 34 Einzeltrends volle
16, also fast die Hälfte, ein einziges Trend-Cluster bilden. Trotz dieser
Vielfalt ist der gemeinsame Nenner leicht zu erkennen: Es geht um Werte und um
deren Wandel. Alle Einzeltrends haben dabei eine vergleichbare Bedeutung, so
dass wir diese nachfolgend nicht nach ihrer Rangierung ordnen, sondern nach
inhaltlichen Gesichtspunkten:
Ø wachsende Bedeutung von Werten als Entscheidungskriterien: Werte werden was
wert. Gerade in unübersichtlichen Zeiten des Umbruchs, in denen
allgemeingültige Werte weitgehend an Wert verloren haben, ist die Besinnung auf
unsere eigenen Werte als Orientierungs- und Entscheidungskriterien
unerlässlich. Dies ist gleichsam die Meta-Ebene dieses Trend-Clusters: Die
Bedeutung des Themas Werte steigt.
Ø Verstärkte Bedeutung von komplexen Systemen und Prozessen: Das Auftauchen
dieses Punktes überrascht nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten können wir
hier einen Trend feststellen, der als Erklärung für den zunehmenden Wert der
Werte dienen kann: Mehr Komplexität ruft nach besserer Orientierung, und dafür
brauchen wir unsere Werte.
Ø Veränderungen bei den Werten, d.h. bei dem, was uns wichtig ist: Hier wird das
Thema Werte-Wandel angesprochen. Dieser Wandel ist offenbar nicht zu übersehen.
Gleichzeitig liefert dieser Trend eine ebenso einfache wie hübsche Definition
von Werten: Werte sind das, was uns etwas wert ist.
Ø wachsende Bedeutung von Lebensqualität: Hier haben wir einen
zentralen Leitwert der künftigen Werte-Landschaften im Blickfeld:
Lebensqualität ist ein Wert, an dem wir uns immer stärker ausrichten werden.
Und das hat beträchtliche Auswirkungen –vor allem auf uns als Individuen.
Ø zunehmende Bedeutung immaterieller Werte: Es ist ein Schlüsseltrend
des Werte-Wandels: Von materiellen zu immateriellen Werten. Von Quantität zu
Qualität. Von Geld zu Geist.
Ø Abnehmende Bedeutung materieller Werte: Das Gegenstück zum obigen
Trend hat weniger Bedeutung. Das heisst: Wir wenden uns nicht vollständig von
materiellen Werten ab. Aber eindeutig verstärkt immateriellen Werten zu.
Ø wachsende Bedeutung des Werts Nachhaltigkeit: Hier bekommt jetzt
die generelle Aussage über die verstärkte Bedeutung immaterieller Werte
konkrete Konturen. Nachhaltigkeit, also das Denken in grösseren Zeiträumen, das
auch unsere Nachkommen einschliesst, gehört offensichtlich dazu.
Ø Trend zu Freiheit und Eigenverantwortung: Freiheit und
Eigenverantwortung als Voraussetzungen für sinnvolle und erfolgreiche
Lebensgestaltung sind Werte, die im Trend liegen.
Ø wachsendes Interesse am Individuellen und Einzigartigen: Individualisierung
wird zu Recht zu den grossen Megatrends gezählt. Hier haben wir die Bestätigung
dafür.
Ø wachsender Wunsch nach Privatheit: Gehört logischerweise zu den
Werten rund um die Individualisierung.
Ø zunehmende Bedeutung des Einfachen und Echten: Der Trend zur
neuen Einfachheit, auch Simplify-Trend genannt, ist keine neue Askese im Sinne
von Verzicht um des Verzichts willen. Vielmehr geht es dabei um das Abwerfen von
überflüssigem Ballast zum Zwecke der Verbesserung der eigenen Lebensqualität.
Ø wachsende Bedeutung von sozialen Werten: Dieser Trend steht nicht, wie
fälschlich oft angenommen wird, im Gegensatz zum Trend Individualisierung und
Selbstverwirklichung. Im Gegenteil: Da es keine Selbstverwirklichung ohne die
anderen gibt, ist die wachsende Bedeutung sozialer Werte beinahe schon logisch.
Ø zunehmende Orientierung an Lebenskunst: Lebenskunst als höchste Form
von Lebensgestaltung wird bedeutsamer. Selbst-Kompetenz wird folgerichtig zu
einem wichtigen Wert.
Ø zunehmende Sinn-Suche: Nachdem sich die Einsicht, ein möglichst hoher
Lebensstandard allein spende nicht genug Sinn, allmählich durchsetzt, wächst
der Bedarf nach alternativen Sinn-Quellen.
Ø wachsende Religiosität und Spiritualität: Hier haben wir
eine mögliche Sinn-Quelle, wenngleich nicht die einzige. Ihre Bedeutung hält
sich nach Meinung unserer Laien-Experten in Grenzen.
Ø wachsende Erwartung an Firmen, ethisch und nachhaltig zu handeln: Als Konsequenz des
wachsenden Werts der Werte werden die diesbezüglichen Erwartungen auch an
Unternehmen stärker.
All diese Trends im Bereich Werte-Wandel waren schon bisher Gegenstand
von einschlägigen SensoNet-Studien. Ihre Existenz ist also nicht neu. Neu dagegen ist, dass unsere Befragten
deren Auswirkungen auf das eigene Leben und auf die Welt als deutlich vorhanden
einschätzen, wobei hier die beiden Werte im Durchschnitt fast identisch sind.
Im Gegensatz zu anderen Trends haben diese also gleichwertige Auswirkungen auf
Individuum und Gesellschaft.
In diesem Bereich gibt es übrigens einen deutlichen Unterschied zwischen
den Geschlechtern: Frauen stufen die Auswirkungen des Werte-Wandels auf sich
selbst und auf die Welt signifikant höher ein als Männer. Dieser Befund ist
eine Bestätigung eines Ergebnisses aus einer ganz aktuellen Werte-Studie bei
SensoNet: Für Frauen sind Werte generell wichtiger als für Männer. Unsere
ungewichtete Darstellung der Gesamtergebnisse führt also zu einer leichten
Verzerrung. Bei einer gleichmässigen Verteilung der Geschlechter müssten die
Werte im Schnitt um etwa 0.4 Skalenpunkte heraufgesetzt werden. Damit gelangt
der Trend-Cluster Werte-Wandel endgültig in den Bereich der wirklich relevanten
Entwicklungstendenzen.
Was wir hier als „soziale Trends“ bezeichnen, ist eine Sammlung von
Einzeltrends, die alle unsere gesellschaftliche Organisation und damit die
Regelung unseres sozialen Zusammenlebens betreffen. Es betrifft dies:
Ø Wandel in der Arbeitswelt, neue Arbeitsformen: Eines der
wichtigsten Felder sozialer Organisation, nämlich die Arbeitswelt, ist im
Umbruch, was natürlich nicht ohne Auswirkungen bleibt.
Ø zunehmende Bedeutung von Bildung und Weiterbildung: Dieser Punkt steht
im engen Zusammenhang mit dem Wandel der Arbeitswelt. Darin wird Bildung als
Eintrittsberechtigung immer wichtiger, aber auch permanente Weiterbildung als
„Dauerkarte“ für den Verbleib in der Arbeitswelt.
Ø Risiken und Chancen multikulturellen Zusammenlebens: Wegen der
verstärkten Migration werden unsere Gesellschaften immer multikultureller. Das
bietet offensichtlich sowohl Risiken wie Chancen. Und bleibt auf keinen Fall
ohne Auswirkungen.
Ø Verstädterung: Dieser Trend ist zwar nicht zu übersehen, und ebenso
unübersehbar sind seine gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen. Dagegen sind die
persönlichen Auswirkungen im davon weit weniger betroffenen Mitteleuropa
offenbar deutlich geringer.
Ø wachsender Wunsch nach Bequemlichkeit und Entlastung (convenience): Dieser Punkt
bildet auf den ersten Blick in diesem Zusammenhang einen Fremdkörper. Bedenkt
man jedoch, dass der wachsende Bedarf nach convenience Ausdruck und Folge einer
zunehmenden Arbeitsteilung ist, passt er durchaus in den Rahmen der sozialen
Trends.
Auffällig ist hier die relativ grosse Diskrepanz zwischen generellen und
persönlichen Auswirkungen dieser Trends. Man sieht, dass sie
gesamtgesellschaftlich beträchtliche Relevanz haben und haben werden, doch
spielt sich das alles wenigstens ein gutes Stück weit ausserhalb des
persönlichen Lebenskreises ab.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob hier auch einige primär
ökonomische Entwicklungstendenzen in den Test reingerutscht wären. Auf den
zweiten Blick wird jedoch leicht sichtbar, dass der gemeinsame Nenner nicht in
der Ökonomie besteht, sondern im sozialen Konfliktpotenzial, das mit ihnen
verbunden ist. Und damit handelt es sich eben doch um beachtenswerte
gesellschaftliche Trends:
Ø abnehmende soziale Sicherheit: Allgemeine soziale Sicherheit
führt zu einer harmonischen Gesellschaft, eine Bedrohung derselben dagegen zu
sozialen Spannungen und Konflikten.
Ø zunehmende soziale Spannungen bei uns: Das Gegenstück zu oben.
Ø abnehmende Kaufkraft, zunehmende Armut: Die Öffnung der sozialen
Schere erhöht das Konfliktpotenzial einer Gesellschaft.
Ø schrumpfende Wirtschaftskraft: Wenn der ganze Kuchen
schrumpft, verstärkt sich der Streit um die Verteilung der einzelnen Stücke.
Ø wachsende Bedrohung durch Terror, Kriminalität etc.: Ob das zunehmende
Bedrohungsgefühl den Tatsachen entspricht oder nicht, ist wenig relevant, denn
die Wahrnehmung ist entscheidend, nicht die Fakten. Auch auf diesem Feld wird
eine Erhöhung des Konfliktpotenzials wahrgenommen.
Ø wachsender Druck auf die Preise: Dass dieser zu einem Druck
auf die Löhne und damit zu neuen Verteilungskämpfen führen wird, ist
einleuchtend.
Auch in diesem Bereich stellen wir eine moderate Wahrnehmung fest: Die
Konflikt-Trends haben zwar Auswirkungen, aber keine dramatischen. Und vor allem
wird die eigene Betroffenheit deutlich tiefer eingeschätzt als die generelle.
Einen kleinen Trend-Cluster für sich bilden drei Einzeltrends rund um
die Gender-Thematik:
Ø wachsende Bedeutung der Frauen: Wird nicht ohne Grund als
einer von einem runden Dutzend Megatrends bezeichnet.
Ø Neue Formen des Zusammenlebens von Mann und Frau: Die endgültigen
neuen Geschlechterrollen sind noch keineswegs gefunden, also zeichnet sich hier
eine Phase von Experimenten nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum ab.
Ø Trend zu Alternativmedizin: War schon immer eher eine
weibliche denn eine männliche Domäne, deshalb taucht dieser Einzeltrend in
diesem Zusammenhang auf.
Natürlich stufen die Teilnehmerinnen an dieser Befragung die
Auswirkungen der Gender-Trends signifikant höher ein als die Teilnehmer. Bei
einer entsprechenden Gewichtung würden sich die hier dargestellten Gesamtwerte
also noch deutlich erhöhen.
Unter den in einer Residualkategorie verbleibenden Einzeltrends sticht
vor allem einer hervor:
Ø älter werdende Gesellschaft: Dieser Trend, auch er zu
Recht ein Megatrend, liegt sowohl bei den persönlichen wie auch bei
gesellschaftlichen Auswirkungen ganz weit vorn. Er hat sich damit das Recht
erworben, als Einzeltrend gleichberechtigt neben den acht identifizierten
Trend-Clusters zu stehen.
Ø Globalisierung: Dieser Megatrend hat beträchtliche Auswirkungen auf
das Ganze, weniger auf das eigene Leben. Zudem ist er zu „global“, um als
konkrete Entwicklungstendenz wahrgenommen werden zu können. Er wurde deshalb
nicht vertiefter analysiert.
Ø Europäische Einigung: Ist zumindest in der Schweiz kein sehr
relevanter Trend, und zudem eher politisch und ökonomisch, weshalb auch hier
auf eine weitere Behandlung verzichtet wurde.