Heisse Werte - neue Erkenntnisse
zum Werte-Wandel:
Freiheit:
Bedeutungswandel eines Begriffs
Worum es geht
Haben sich die Assoziationen
zum 1998 sehr populären Begriff Freiheit in den letzten fünf
Jahren verändert ? Die folgenden Fragen geben Auskunft.
Fragen und Antworten
Dass Freiheit für
Sie ein wichtiger Wert ist, dürfte ebenso unbestritten sein wie
Ihr Bewusstsein dafür, dass Freiheit immer Lust und Last zugleich
bedeuten kann, weil sie Orientierungslosigkeit und den Zwang zu eigenen
Entscheidungen bedeuten kann. Wenn Sie sich das Verhältnis zwischen
Lust und Last in Sachen Freiheit als Prozentverteilung vorstellen: Wieviel
Prozent Lust bedeutet Freiheit für Sie ? Und wieviel Prozent Last
?
|
2003 |
1998 |
| Lust |
73% |
63% |
| Last |
27% |
37% |
Nun gibt es ja Menschen,
die grundsätzlich an der Idee der Freiheit, konkret am Modell des
freien Willens, zweifeln. Welche der folgenden Meinungen entspricht
am ehesten Ihrer eigenen ?
|
2003 |
1998 |
| Es gibt
keinen freien Willen, weil eine höhere Macht unseren ganzen
Lebensweg längst festgelegt hat |
1% |
6% |
| Veranlagung
und Prägung (Gene, Erziehung etc.) prägen uns so sehr,
dass der freie Wille illusorisch bleiben muss |
2% |
8% |
| Wohl
ist das Material, aus dem wir unser Leben formen, vorgegeben, doch
sind wir frei darin, das Material zu formen |
68% |
63% |
| In jedem
Moment, bei jeder Entscheidung, sind wir frei, das Richtige zu wählen |
29% |
23% |
Kulturpessimistische Stimmen
warnen vor einer zu starken Betonung von Freiheit und Individualität,
weil dies zwangsläufig zu einer Ansammlung von Egoisten führen
müsse, die sich nicht mehr um ihre Mitmenschen und um die Belange
der Allgemeinheit kümmern. Wenn die Gesellschaft nicht mehr bindend
vorschreiben könne, was die Einzelnen zu tun und zu lassen hätten,
müsse die Gesellschaft zerfallen. Was halten Sie von diesem Einwand
?
|
2003 |
1998 |
| ist voll
und ganz richtig |
3% |
10% |
| da ist
was dran |
39% |
45% |
| im Gegenteil:
Nur aus freier Entscheidung können echte menschliche und soziale
Verpflichtungen wachsen |
58% |
45% |
|
|
|
Ethik als Kind der Freiheit,
wie es die letzte Antwort der obigen Frage postuliert: Ist das ein realistisches
Modell ?
|
2003 |
1998 |
| ja, ich
sehe klare Anzeichen dafür |
18% |
18% |
| doch,
es gibt Hinweise |
35% |
26% |
| ich bin
noch unentschieden |
23% |
22% |
| da bin
ich eher skeptisch |
23% |
29% |
| da sehe
ich leider ganz schwarz |
1% |
5% |
Wenn Sie jetzt einmal
das Mass an Freiheit, das wir heute haben, mit einem Indexwert von 100
versehen: Wieviel Freiheit haben andere Generationen (bzw. werden haben)
?
|
2003 |
1998 |
| Grosseltern
(vorletzte Generation) |
53 |
43 |
| Eltern
(letzte Generation) |
69 |
62 |
| heutige
Generation |
100 |
100 |
| Kinder
(nächste Generation) |
93 |
107 |
| Enkel
(übernächste Generation) |
93 |
115 |
Werte
2003 (Antworten
aus der SensoNet-Online-Umfrage zum Werte-Wandel, Mai 2003, N=126)
Werte
1998 (SensoNet
postalische Befragung Frühjahr 1998, N=360)
Kommentar
Freiheit gehört zu den klaren Absteigern
in der Hitliste der heissen Werte. Scheinbar paradox klingen da Trends,
die aus diversen begleitenden Fragen destilliert wurden. Demnach ist
der Glaube an die eigenen Freiheitsspielräume gestiegen, ebenso
die Überzeugung, nur aus freier Entscheidung könnten echte
menschliche und soziale Verpflichtungen wachsen, Ethik sei also ein
Kind der Freiheit.
Gestiegen ist auch die Wertschätzung
von Freiheit: Sagte SensoNet noch 1998, Freiheit bedeute ein Drittel
Last ("Qual der Wahl") und zwei Drittel Lust, so hat sich das Verhältnis
heute mit ein Viertel Last und drei Viertel Lust deutlich zugunsten
der positiven Aspekte von Freiheit verändert. Allerdings wirkt
heute Freiheit auch bedrohter als noch vor fünf Jahren: Ging dort
eine Mehrheit noch davon aus, die Generationen der Kinder und Enkel
würden deutlich mehr Freiheit haben als wir selbst, so glaubt die
Mehrheit mittlerweile an eine Abnahme der Freiheit in den kommenden
Generationen.
Zurückgestuft worden ist also offensichtlich
nur das grosse Wort, nicht der Wert Freiheit. Abgestraft wurde der Begriff
für seine einseitige und verabsolutierende Verwendung in manchen
zu Zeiten populären Übertreibungen von Neo-Liberalismus. Echte
Liberale wussten immer, was jetzt wieder entdeckt wird: Absolute Freiheit
ist deswegen undenkbar, weil Freiheit untrennbar mit dem Zwilling Eigenverantwortung
verbunden ist.
Zu akzeptieren, dass Freiheit nicht ohne
Verantwortung zu haben ist, hätte in den Ohren der ebenfalls längst
entschwundenen Spassgesellschaft noch nach der Tristesse grauer Plattenbauten
im Nieselregen geklungen. Heute wirken Ernüchterung und Entzauberung
eines absoluten Freiheitsbegriffs im Gegenteil befreiend: Statt einem
Phantom nachzujagen, kann man sich eigenverantwortlich und frei um das
kümmern, worum es wirklich geht - die eigene Lebensqualität.
Zu den einzelnen Abschnitten:
Die
Hitliste der heissen Werte
Die
Bedeutung von Werten als Orientierungshilfe
Werte-Verlust
oder Werte-Wandel ?
Lebensgestalter
weiter auf dem Vormarsch
Freiheit:
Bedeutungswandel eines Begriffs
Single-Dasein: Die Attraktivität schwindet
Wohnen:
Die eigen vier Wände werden noch mehr zum Basislager