Heisse Werte - neue Erkenntnisse
zum Werte-Wandel:
Die
Hitliste der heissen Werte
Ein Kinderspiel mit Worten
Wie misst man Werte ? Streng wissenschaftlich
gesehen könnte einem diese Frage zur Verzweiflung bringen, gibt
es doch nicht einmal eine allgemein anerkannte Definition dessen, was
Werte überhaupt sind, geschweige denn eine Übereinstimmung
über die geeigneten Methoden, Werte zu erfassen.
Nun gibt es aber glücklicherweise
auch so etwas wie die "lächelnde Wissenschaft", das heisst, manchmal
ergibt sich ein Erkenntnisgewinn, wenn man die Sache spielerisch angeht.
In unserem Fall mit den Werten eignen sich dazu am besten Wortspiele,
denn um auszudrücken, was uns wichtig ist, wieviel uns etwas wert
ist, verwenden wir in der Regel Worte. Wobei klar ist, dass es nicht
nur um die rationale Bedeutung dieser Worte geht, sondern immer auch
um die emotionale: Werte sind eng mit Gefühlen verbunden.
Wenn man Kindern beim Suchen von versteckten
Ostereiern helfen will, verwendet man eine einfache sprachliche Skala:
"heiss - warm - kalt". Dasselbe Spiel kann man auf Worte übertragen:
Wirkt es heiss, warm oder kalt ? Dahinter steckt die begründete
Hypothese, wonach der Wert, den das Wort ausdrückt, umso wichtiger
ist (auch gefühlsmässig), je heisser das Wort eingestuft wird.
Aus diesem einfachen Kinderspiel mit Worten ergibt sich eine Hitparade
der heissen Werte. Und aus dem Vergleich der beiden Hitparaden von 1998
und 2003 lassen sich Tendenzen ableiten.
Wie bei der richtigen Hitparade
Die allwöchentlich am Radio ausgestrahlte
Hitparade der meistverkauften Singles ist bekanntlich nicht ganz frei
von Unschärfen und Zufälligkeiten. Das gilt auch für
die Hitparade der heissen Werte. Wohl ist SensoNet ein erstaunlich präzises
Messinstrument, das schon ab 50 TeilnehmerInnen die Mehrheitsverhältnisse
klar und stabil abbildet (1998 nahmen 360 Menschen an der Umfrage teil,
2003 genau 126), doch selbstverständlich können Abstände
von ein oder zwei Prozent auch zufällig bedingt sein. Entsprechend
kann der genaue Rang eines Werts zufällig sein.
Doch wie bei der richtigen Hitparade sind
vordere oder hintere Plätze kein Zufall, und ebenso wenig die auf-
oder absteigende Tendenz. Und so sieht die Hitparade der heissen Werte
aus:
Hitliste der heissen Werte (1998 und 2003)
|
Rang 03
% "heiss"
|
Tendenz
|
Wert
(Rang 98 / % "heiss" 98)
|
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1
83%
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Eigenverantwortung
(4 / 80%)
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2
79%
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Lebensqualität
(Neueinsteiger)
|
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3
78%
|

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Lebensfreude
(2 / 84%)
|
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4
75%
|

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Liebe
(5 / 80%)
|
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5
74%
|

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Lebenssinn
(10 / 70%)
|
|
6
70%
|

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Freundschaft
(7 / 78%)
|
|
7
70%
|

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Gerechtigkeit
(1 / 84%)
|
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8
67%
|

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Echtheit
(Neueinsteiger)
|
|
9
66%
|

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Gesundheit
(Neueinsteiger
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10
64%
|

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Lernen
(13 / 67%)
|
|
11
64%
|

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Leben
(3 / 81%)
|
|
12
63%
|

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Weisheit
(19 / 53%)
|
|
13
62%
|

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Gefühle
(8 / 72%)
|
|
14
62%
|

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Wahrheit
(9 / 71%)
|
|
15
62%
|

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Zufriedenheit
(Neueinsteiger)
|
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16
59%
|

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Freiheit
(6 / 79%)
|
|
17
58%
|

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Soziale Verantwortung
(16 / 58%)
|
|
18
56%
|

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Phantasie
(12 / 68%)
|
|
19
55%
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Mitgefühl (compassion)
(18 / 54%)
|
|
20
55%
|

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Optimismus
(15 / 62%)
|
|
21
55%
|

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Selbstbestimmung
(14 / 67%)
|
|
22
53%
|

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Wohlbefinden
(Neueinsteiger)
|
|
23
52%
|

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Werte
(Neueinsteiger)
|
|
24
50%
|

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Reife
(23 / 50%)
|
|
25
48%
|

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Ethik
(21 / 51%)
|
|
26
46%
|

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Einfachheit
(Neueinsteiger)
|
|
27
45%
|

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Intelligenz
(11 / 68%)
|
|
28
41%
|

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Arbeit
(Neueinsteiger)
|
|
29
41%
|

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Richtiges Mass
(Neueinsteiger)
|
|
30
40%
|

|
Selbstverwirklichung
(20 / 52%)
|
Aus den Top-30 herausgefallen:
|
31
39%
|
 |
Bewusstseinserweiterung
(17 / 56%)
|
|
33
31%
|
 |
Erotik
(24 / 47%)
|
|
35
30%
|
 |
Individualismus
(25 / 47%)
|
|
36
29%
|
 |
Moral
(26 / 43%)
|
|
41
24%
|
 |
Sex
(27 / 42%)
|
|
46
14%
|
 |
High-Tech
(29 / 332%)
|
(Alle Antworten
aus der SensoNet-Online-Umfrage zum Werte-Wandel, Mai 2003, N=126 /
SensoNet postalische Befragung Frühjahr 1998, N=360)
Der Ecstasy-Kater
Lange bevor Ecstasy zur Modedroge der abtanzenden
Szene wurde, hatte der Stoff schon eine Karriere in Therapie und Selbsterfahrung,
vorzugsweise in Gruppen, hinter sich. Der Effekt war umwerfend: Alles
bekam einen Heiligenschein, und alle Menschen um einen herum waren so
lieb und so nett und vor allem sooo wertvoll. Anderntags war die Ernüchterung
gross, denn logischerweise hatten sich alle wieder in die hässlichen
jungen Entlein und kalten Frösche zurück verwandelt, die sie
vorher waren.
In vielerlei Hinsicht ähnelten die
letzten Jahre des letzten Jahrhunderts einem solchen Ecstasy-Rausch,
und niemand, der ganz ehrlich zu sicher selber ist, kann wohl behaupten,
er oder sie seien damals völlig unbeleckt von diesem Rausch geblieben.
Das dürfte auch für unsere Befragten von 1998 gelten. Gibt
es also bei den Werten so etwas wie einen Ecstasy-Kater, eine Ernüchterung
bei allzu sehr verklärten Werten ?
Die pure Menge der schräg oder senkrecht
nach unten verlaufenden roten Pfeile in der Hitparade der heissen Werte
lässt die Frage klar bejahen. Absteiger gibt es reichlich - und
sie haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie sind das, was man gemeinhin "grosse
Worte" nennt.
Zunächst sind - nicht allzu überraschend
- die rund um Individualismus gruppierten Werte von diesem Abwärtssog
betroffen: Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Bewusstseinserweiterung
und Individualismus. Nachdem bewusst geworden ist, dass die Linie zwischen
dem munteren Lebensgestalter und dem eiskalten egoistischen Abzocker
sehr dünn ist, hat sich die Attraktivität eines alles andere
überstrahlenden Individualismus deutlich verflüchtigt.
Auch bei anderen grossen Worten ist es
nachvollziehbar, dass die Luft ein Stück weit draussen ist: Gerechtigkeit
? Wird immer mehr zur Verschleierung purer Gruppeninteressen missbraucht.
Leben ? Angesichts der Klon-Debatte herrscht eine gewisse Verunsicherung.
Gefühle ? Das endlose Ausbreiten wahlloser Gefühle ödet
ziemlich an. Wahrheit ? Spätestens nach dem Irak-Krieg fragt sich:
wessen Wahrheit ? Phantasie ? Erfahrungsgemäss lässt sich
darauf eine Spekulationsblase aufbauen, aber kein nachhaltiges Wachstum.
Intelligenz ? Nachdem die künstliche
verfrüht herbei geredet wurde, stellen wir fest, dass wir nicht
mal wissen, was natürliche Intelligenz ist - geschweige denn, wie
sie zu fördern wäre... Erotik ? Im Erotik-Center ganz offensichtlich
nicht zu finden, und auch sonstwo schwerer als geplant. Moral ? Von
anderen leichter eingefordert als selber geliefert. Sex ? Die vielleicht
am meisten überschätzte Sache der Welt. High-Tech ? Darüber
schweigt des Sängers Höflichkeit...
Nicht alle diese Werte sind definitiv weg
vom Fenster. Sie werden nur wesentlich nüchterner betrachtet als
noch vor einer halben Dekade, die bereits so unendlich weit weg erscheint.
Vorschusslorbeeren gibt es keine mehr zu verteilen.
Echt einfach: Die Top 10
In den Top 10 der heissen Werte gibt es
neben dem Absteiger Gerechtigkeit vier stabile Werte, nämlich (von
unten nach oben) Lernen, Freundschaft, Liebe und Lebensfreude. Das Modell
des lebenslangen Lernens, das ja auch die Chance zur stetigen Neuformung
seiner selbst beinhaltet, hat sich, jedenfalls in der gesellschaftlichen
Vorhut, offenkundig durchgesetzt. Freundschaft und Liebe sind und bleiben
zentrale Werte, deren relatives Gewicht sich im Vergleich zu den rein
individualistischen Werten wegen deren Abstiegs sogar erhöht hat.
Der Begriff der Lebensfreude schliesslich scheint dem, was im Leben
der meisten Menschen wirklich wichtig ist, schon sehr nahe zu kommen.
Ganz nahe bei Lebensfreude ist einer der
wenigen Aufsteiger innerhalb der Top 10 platziert: Lebenssinn. Sensible
Trendforscher sagen schon seit geraumer Zeit einen Boom der Sinn-Fragen
vorher. Hier bestätigt sich dieser Trend ganz deutlich.
Wenig überraschend ist der Sprung
von Gesundheit von Null auf Neun: Gesundheit, einschliesslich des ebenfalls
von Null weit aufgestiegenen Wohlbefindens, bleibt ein Boom-Thema, weil
sie ein zentraler Wert ist.
Schon beinahe sensationell ist der Sprung
von Null auf Acht eines Begriffs, an den 1998 nicht mal gedacht wurde:
Echtheit. Ein echter Wert mit Zukunft...
Es verbleiben die beiden Spitzenplätze.
Fast hätte es Lebensqualität von Null ganz an die Spitze geschafft,
doch auch der Sprung auf Platz 2 ist bemerkenswert genug. In diesem
Begriff kristallisiert sich ganz offensichtlich der zentrale Wert der
näheren Zukunft, das, woran sich die Menschen orientieren werden,
worum es ihnen im Kern gehen wird.
Dass es ausgerechnet das Wort Lebensqualität
ist, in dem sich die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen bündeln,
hat etwas Verblüffendes. Aufgekommen ist es nämlich in den
siebziger Jahren als Botschaft der politischen Linken: Sehr her, wenn
wir den Staat führen, verschaffen wir Euch mehr Lebensqualität
! Danach wurde es eine Zeit lang zur Fundgrube der Sozialwissenschaftler:
Mit allen möglichen und unmöglichen statistischen Grössen
versuchte man, so etwas wie die kollektive Lebensqualität unterschiedlicher
Staaten und Schichten zu messen.
Von diesem kollektiven, von aussen verordneten
Bedeutungsgehalt von Lebensqualität ist der heutige Wortgebrauch
meilenweit entfernt, was sich schon in der unmittelbaren Nachbarschaft
zum absoluten Tophit der heissen Werte zeigt: Eigenverantwortung. Was
bedeutet: Niemand anderes als ich selbst hat die Verantwortung für
meine Lebensqualität.
Der Sprung von Eigenverantwortung ganz
an die Spitze ist deswegen besonders bemerkenswert, weil sie ihn weitgehend
Befragungsteilnehmern aus Deutschland verdankt. Hätte sich die
Umfrage auf die Schweiz beschränkt, so wäre der Spitzenrang
von Eigenverantwortung kaum weiter erwähnenswert. In Deutschland
jedoch wird allenthalben ein Mangel an einer gewachsenen Kultur der
Eigenverantwortung beklagt, weshalb jede noch so zaghafte Reform der
Sozialsysteme in dieser Richtung auf so erbitterten Widerstand stosse.
Die Hitparade der heissen Werte zeigt, dass mindestens auf die gesellschaftliche
Vorhut diese Diagnose nicht zutrifft. Und ganz ohne Wirkung dürfte
die Ausstrahlung dieser engagierten meinungsbildenden Minderheit auf
das Ganze kaum bleiben...
Zu den einzelnen Abschnitten:
Die Hitliste
der heissen Werte
Die
Bedeutung von Werten als Orientierungshilfe
Werte-Verlust
oder Werte-Wandel ?
Lebensgestalter
weiter auf dem Vormarsch
Freiheit:
Bedeutungswandel eines Begriffs
Single-Dasein: Die Attraktivität schwindet
Wohnen:
Die eigen vier Wände werden noch mehr zum Basislager